Der Bauer

Von den Volkszugehörigen ist der Bauer der sesshafteste - jedenfalls seiner Veranlagung nach und vom Standpunkt der Volkswerdung aus. Er muss es wohl auch sein, denn sein Beruf, dem Boden die für das Volk notwendigen Ernährungsquellen abzuringen, heftet ihn an jenen Fleck Erde, der ihm, seinem Geschlecht und seinem Volk die Nahrung und damit die Erhaltung und Entwicklung sichert. Der wechselvolle und immerwährende Kampf mit den Elementen formt und bildet ihn hart und kräftig, sowohl äußerlich wie im Charakter. Der Bauer erscheint konservativ und fremden Einflüssen weniger zugänglich, denn er ist originell, d.h. genauso eigenartig wie die Natur, die ihn umgibt. Es ist schwer, einem Landmann dem zivilisatorischen Fortschritt näher zu bringen und es ist gewiss falsch, in seiner Zurückhaltung, die beinahe an feindselige Abwehr grenzt, nur geistige Unbeweglichkeit und mangelnde Intelligenz zu erblicken. Er liebt die Zivilisation nicht, weil er in ihr den überheblichen Gegner aller Urwüchsigkeit spürt und fürchtet. Auf das Ringen mit der Natur versteht er sich, auf den Kampf mit den schleichenden Giften der Zivilisation aber nicht. Sein sicherer Instinkt offenbart ihm die zermalmende Wirkung der Nebenerscheinungen des häufigen- von Böswilligen mit Vorbedacht- als Kultur angesprochenen zivilisatorischen Fortschritts. Der Bauer gehört zu den natürlichsten Menschen der Welt! Er ist derb, aber nicht verderbt; er ist rau und hart, weil die Natur, mit der er umzugehen pflegt, rau und hart ist. Aber darum gehört er zu jenen Menschen, deren seelische Entwicklung einer ungeahnten Steigerung fähig ist und deren innere Kräfte nicht erlahmen, weil er sich mit jeder frisch umgewendeten Ackerscholle erneuern. Man denke an die zahlreichen Bauernsöhne, deren Namen in der Kulturgeschichte des Abendlandes für alle Zeiten zum Begriff geworden sind, und man erkennt die eminenten Kapazitäten der psychischen Verfassung. Der Bauer ist auch der ursprünglichste aller Volkszugehörigen, denn er war von Anfang an da und aus seinen Geschlechterfolgen rekrutierte sich in der Folgezeit das Riesenheer aller Stände und Berufe bis hinauf zu den Fürstenthronen. Industriearbeiter, Techniker, Kaufleute, Gelehrte, Künstler und Regenten, sie alle sind nicht nur aus dem Bauernstand hervorgegangen, sondern zehren auch heute noch von der bäuerlichen Lebenskraft. Aus sich heraus würden sich diese niemals regenerieren können; aus sich heraus würden sie degenerieren, weil sie sich im Laufe der Zeit durch ihre Lebensweise nahezu völlig der Natur entfremdet haben. Sie alle brauchen den Bauern nicht allein deshalb, weil er ihnen Nahrungsmittel liefert, sondern weil sie an ihn blutmäßig gebunden sind, weil Blut und Boden zusammengehören und weil nur der Boden ihnen die seelischen Eigenschaften wiedergeben kann, die sie im Laufe eines nur auf Verbrauch eingestellten Lebens verlieren, gewiss nicht immer auffallend in der Person, sicher aber umso auffallender in der Geschlechterfolge. Des Lebens urwüchsige, sich immer wieder erneuernde Kraft gedeiht nicht in den Hochhäusern oder dunklen Wohnvierteln überdimensionaler, mit ohrenbetäubendem, nervtötenden Lärm erfüllter Weltstädte, nicht in den Kohlenschächten, nicht in den Laboratorien und nicht in der Wärmestrahlung glühender Hochöfen. Sie entsteht auch nicht in den Studierzimmern oder auf den Lehrstühlen der Wissenschaften. Von diesen sollte man zwar erfahren, woher sie kommt, aber das ist nun leider nicht der Fall. Und fände sich ein Weiser, entlüde sich über ihm das mörderische Gewitter der zusammengeballten Kräfte aller Naturfeinde.